SchwarzArbeit – Gothic Friday 2016

Auf Spontis geht es diesen Monat beim „Gothic Friday“ um Berufe und Berufung. Tage habe ich gebraucht, um die Mail mit meinem Beitrag abzuschicken – nicht weil ich mit meinem „Ein-Finger-Adlersuchsystem“ so langsam bin, sondern #tadaaa#: Ich hatte echte Selbstzweifel! Zweifel, ob mein Geschreibsel überhaupt interessant genug ist. Zum Schluß ging die Mail mit viel Herzbuppern doch raus. Und letzlich war der nette Mailkontakt auch die Initialzündung für diesen Blog… 😀

Hier gibt´s viele interessante Geschichten und alles weitere, was man so über den Gothic Friday wissen sollte:

Klick mich – Gothic Friday

 

Welchen Beruf übst du aus?

Ich arbeite in der (mobilen) Seniorenbetreuung. Anders als der klassische Altenpfleger/in übe ich keine pflegerische Tätigkeiten aus und besuche die Leute meist noch in ihrer eigenen Wohnung. Ich kümmere mich dort um alles, was es den Menschen ermöglicht, selbstständig in ihren eigenen vier Wänden zu leben – also eher um die „zwischenmenschlichen, häuslichen Dinge“, für die in der „Pflege“ nur selten Zeit bleibt.

Ich begleite sie zu Arztbesuchen und Spaziergängen, hole Rezepte/Medikamente ab, unterstütze im Haushalt bei der Wäsche/Fenster putzen/Einkäufen, kümmere mich aber auch um administrative Dinge wie Briefe der Krankenkasse/Ämter oder die klassische Demenzarbeit. Es kommt aber auch vor, dass ich einfach nur mal auf eine Tasse Kaffee rumkomme und mit einer schwerst depressiven Dame Zeit verbringe, ihr zuhöre und versuche, ihrem Lebensgefühl etwas „Sinnlosigkeit“ zu nehmen.

Da ich auch aus der klassischen Altenpflege komme und es mir immer! nahe ging, kaum Zeit für die Menschen zu haben, ist es für mich der absolute Traumberuf. Ich arbeite recht selbstständig, bekomme von der Chefin wöchentlich den Dienstplan mit der groben täglichen Planung und wenn Frau XY sich die Seele aus dem Leib weint, weil Pudel Achilles Leben tragisch endete, kann ich mir auch die halbe Stunde Zeit nehmen, um zu trösten.

Was mich so glücklich macht, ist, dass ich den Menschen das schenken kann, was für mich das Allerwichtigste ist:

Zeit, Respekt und Aufmerksamkeit

Denn gerade viele ältere Leute sind sozial wahnsinnig vereinsamt und so wird sogar ein Ausflug mit dem Rollstuhl zum Edeka um die Ecke zum absoluten Highlight.

 

(Wie) Lassen sich Gothic und Beruf verbinden und ist das überhaupt wichtig?

 

Mir ist es insofern wichtig beides zu verbinden, weil ich mich ja auch wohlfühlen muss. Müsste ich morgens mit Pünktchenrock und Blümchenbluse in pastellpink aus dem Haus, wäre der Tag für mich gelaufen und genau das würde ich dann wohl auch ausstrahlen.

Ich halte es meist mit schlichter schwarzer Klamotte und Chucks/Stiefeln, mal ne Kette, wenig geschminkt und gepflegt.

Meine Chefin ist zum Glück sehr tolerant. Sie hat schon diverse Haarfarben miterlebt und es wohlwollend mitgemacht. Schwarz, rot, neonpink, pastellrosa, lila und aktuell kupfer und es gab nie auch nur ein böses Wort. Auch meine Tättowierungen und mein Nasenring waren nie wirklich ein Thema. Obwohl, da gabs mal was:

 

Welche Abstriche nimmst du bei deinem Äußeren im Kauf oder würdest du in Kauf nehmen?

 

Dienstbesprechung mit der Chefin.

Chefin: Sagen Sie mal Frau XY, da gibt es etwas, darüber muss ich mit Ihnen reden. Das ist mir ja sooo unangenehm und eigentlich ist es mir auch völlig egal. Es soll sich ja jeder selbst verwirklichen…

Telefon klingelt, Chefin geht dran.

Ich sitze da und mein einziger Gedanke:

Neeeeeein…oh bitte nicht! die Haare. Bitte nicht…!

Noch nie verstrichen Minuten so langsam, gefühlt dauerte das Telefonat ewig und ich wußte ja, wenn Gespräche SO beginnen, naja…

Chefin kommt zurück:

Also, FrauXY hat gesagt, Sie haben sich tättowieren lassen. Am Unterarm. Also mir ist das ja völlig egal, aber Frau XY findet das wohl „fies“…

(*PUH* Nicht die Haare… 😀 )

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Ich: Ach sooo, und ich hatte schon Angst wegen meinen Haaren. Nein, das kann ich völlig verstehen. Wenn Frau XY damit nicht kann, trage ich bei ihr was langärmliges. Ist ja kein Problem…

Chefin: In Ordnung. Aber nicht im Sommer. Es kann keiner von ihnen verlangen, dass sie sich totschwitzen. Und jetzt zeigen Sie doch mal…

Danach gab es dann noch ein ausführliches Gespräch über Tattoos und allen möglichen SchnickSchnack.

 

Welche Vorurteile oder Probleme tauchen im Umgang mit Chefs, Kollegen oder Kunden auf?

 

Generell freuen sich alle meine Leute über meinen „Farbtupfer“ auf der Haut oder in den Haaren. Das Interesse ist immer riesig und es gibt immer ein Gesprächsthema.

Eine ältere Dame (86) begrüßte mich mal mit den Worten: „Anna, komm mal her und zeig mal dein Bein.“ Und zu ihrer Tochter sagte sie: „Anna hat Fledermäuse am Bein. Das musst du dir ansehen. Das ist wirklich toll!“

Eine andere Dame (84) nannte mich aufgrund meiner knatschpinken Haare immer „Mein Kamellchen“ (kölsches Wort für Bonbon) und sagte neulich zu mir: „Du bist ja auch ein Schwarzfahrer. Immer in Schwarz unterwegs…“ was für herrliches Gelächter bei dem alten Ehepaar sorgte.

Eine andere Dame verbrachte das Wochenende mal damit, mir aus sämtlichen Zeitungen Berichte über Tim Burton auszuschneiden, weil sie wusste das ich an dem Wochenende zur Autogrammstunde von ihm gehe und ein Riesenfan von ihm bin.

Und immer wieder bekomme ich aussortierte schwarze Oberteile geschenkt „damit ich da noch was draus machen kann“.

Vorurteile und Berührungsängste habe ich bisher in keinster Weise erlebt, eher im Gegenteil. Meine Chefin wird regelmäßig von Leuten angerufen (bei denen ich z.b das erste Mal war oder bei denen ich nur als Urlaubsvertretung eingeplant war) mit der Bitte ob „meine Anna“ nicht jedes Mal kommen könnte.

Ich denke, wenn man den Menschen respektvoll und offen gegenüber tritt, hat man die Sympathien schon von 80% der Leute in der Tasche. Und den restlichen 20% ist dann auch nicht mehr zu helfen… 🙂

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